Hallo
liebe Mütter, Väter, Tagesmütter -väter, liebe interessierte
Leser,
Zunächst
einmal eine wichtige Korrektur zu meinem Info-Brief 1, der einen
gravierenden Fehler enthielt.
Gesetzesänderung
Wie der
Verband alleinerziehender Mütter u. Väter berichtete wurde ,
befindet sich das "Gewaltschutzgesetz" in der ersten
Lesung (noch nicht verabschiedet), das eine deutliche
Position für die Frauen bezieht. Sie sollen
von nun an in der Wohnung bleiben und ihre gewalttätigen Männer müssen
gehen. Bisher haben in der BRD jährlich über 50.000 Frauen mit
ihren Kindern Schutz in Frauenhäusern suchen müssen, um der Gewalt
ihrer Männer zu entgehen. Das Gesetz würde
zunächst in dem Maße Gerechtigkeit
herstellen, als nun die Männer die Konsequenzen ihres
Handelns tragen müssen. Es würde
Gewalt gegen Frauen heraus aus der Privatsache in den Bereich der
inneren Sicherheit verweisen.
Auch die Kinder würden von der
neuen Regelung profitieren - sie könnten
in ihrer gewohnten Umgebung bleiben; Kiga und Schule weiter
besuchen und Freunde in der Nachbarschaft behalten. Folgender
Stand der Dinge:
Das Gewaltschutzgesetz befindet sich
in der ersten Lesung. Es
ist noch lange nicht verabschiedet. Entwürfe liegen vor. Wenn
dieses Bundesgesetz verabschiedet ist, dann müssen zunächst die
Länder ihre Polizeigesetze ändern, damit die Polizei die
Befugnis bekommt Menschen aus der eigenen Wohnung zu verweisen.
Dieses Recht haben zur Zeit auf richterlichen Beschluss nur
Gerichtsvollzieher. Dazu arbeitet eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe. Abschließend
will ich noch ein Statement
einer Leiterin eines Frauenhauses hier anfügen, die auf länder-
und bundesebene arbeitet. Sie sagt: " dass es ein
Trugschluss ist anzunehmen, dass alle Frauen und Kinder dann in
Ihren Wohnungen verbleiben können, denn das Gesetz spricht nur
eine Wegweisung aus und gewährt keinen konkreten Schutz. Es wird,
wie das Beispiel Österreich zeigt, weiterhin voll belegte Frauenhäuser
geben."
Eine
immer häufiger gestellte Frage: "Wie groß muss/sollte
eigentlich die Übereinstimmung sein in dem Erziehungsstil von
Mutter und Tagesmutter"?
Grundsätzlich
muss man sagen, wäre es natürlich wünschenswert, wenn die
Erziehungsstile recht ähnlich wären; aber auch das ist nur dann
hilfreich, wenn die "Chemie" zwischen Mutter und
Tagesmutter stimmt. Vorrangig sollte man sich merken, dass das
Tageskind bei der Tagesmutter, wie auch zu Hause einen Rahmen
braucht. Ein Tageskind kann bis zu einem gewissen Grad sehr wohl
unterscheiden, welcher Rahmen zu Hause vorgegeben ist und welche
Regeln bei der Tagesmutter herrschen. Viel wichtiger ist, dass
das Verhalten der Tagesmutter für das Kind berechenbar bleibt und
im Vergleich zum zu Hause nicht von auffälligen Widersprüchen geprägt
ist. Vor dem Tageskind sollten beide, Mutter und Tagesmutter
"an einem Strang" ziehen.
Und...wer
kennt das nicht: wir holen unser Kind von einem "Verwöhn-Wochenende"
bei Oma und Opa ab, und dann brauchen wir erst mal einige Tage, bis
"Mäxchen" wieder weiß, dass es zu Hause anders läuft.
In gemeinsamen Gesprächen sollten Mutter und Tagesmutter vor allem
Konsequenzen in verschiedenen Lebenssituationen des Kindes abklären;
also auch der Umgang mit Strafe, das Thema Medien, das Setzen von
Grenzen, Zulassen von Kriegsspielzeug ect. Welche Folgen es haben
kann, wenn die Grundsatzregeln zu weit auseinanderklaffen, können
wir uns alle vorstellen. Es führt dazu, dass die Kinder die gegensätzlichen
Anforderungen nicht verinnerlichen und damit auch kein
eigenverantwortliches Handeln lernen, oder sie fangen an, beide
"Eltern" gegeneinander auszuspielen.
Man
sollte sich auch nicht scheuen, bei den gemeinsamen Problemen die
Dinge deutlich beim Namen zu nennen. Es reicht einer Mutter nicht zu
erfahren, dass eine Tagesmutter gewaltfrei erzieht; sie will
vielmehr deutlich wissen, wie die Tagesmutter in konkreten
Situationen gedenkt mit ihrem "Trotzkopf" umzugehen. Natürlich
können in den Gesprächen nicht alle zu erwartenden Problemfälle
vorher schon besprochen werden, und noch so viele Gespräche zeigen
nicht immer das tatsächliche Verhalten in einer konkreten
Situation, aber man kann beiderseits den Umgang mit Kritik üben
(loben sollte man auch nicht vergessen).
Dauerbrenner
"Schuldgefühle der abgebenden Mutter"
nach
meinen eigenen Erfahrungen als Mutter und durch die jahrelange
Erfahrung in der Vermittlungsarbeit mit vielen vielen Müttern, kann
man dieses Thema wirklich als Dauerbrenner "unterm Mäntelchen"
bezeichnen. Ich glaube, keine Mutter ist frei von diesen Schuldgefühlen,
ob sie nun arbeiten geht, oder zu Hause ist. Viele Tagesmütter
berichten und beklagen sich auch, dass diese Schuldgefühle der außer
Haus arbeitenden Mutter vorrangig dadurch wett gemacht werden
sollen, dass die Kinder zu Hause wieder "alles dürfen" -
ihnen keine Grenzen gesetzt werden, oder die Probezeit für das
Tageskind so aussieht, dass die Mutter oder der Vater über Wochen
hinweg nicht von der Seite des Kindes und damit auch nicht von der
Seite der Tagesmutter weichen wollen. Es wird berichtet von Kindern,
die mit 9 Jahren nur mit "Licht an" einschlafen können,
oder gar nicht gelernt haben, alleine oder im eigenen Bett zu
schlafen; von Kindern, die gar keine "Zubettgehzeit"
kennen, sondern irgendwann im Wohnzimmer auf dem Teppich liegen,
weil sie vor einer halben Stunde noch behauptet haben (um 23.00)
nicht müde zu sein.
Diesem
Teufelskreis Schuldgefühl/Grenzenlosigkeit könnte man entgehen, wenn
man sich verinnerlicht, was Grenzen für Kinder wirklich
bedeuten ! Grenzen setzen heißt nicht, sinnlose Verbote erteilen !
Kinder können, und das wissen wir alle, laute, quengelnde,
schimpfende, beißende kleine Quälgeister sein. Wenn es heißt:
"zieht Eure Jacken an", fängt bestimmt eines ausgerechnet
dann an, mit dem Ball zu spielen. Eine Pädagogin und ehemalige
Tagesmutter schrieb zu diesem Thema: Kinder brauchen zu ihrer
gesunden seelischen Entwicklung Mitmenschen, an denen sie sich
reiben können, ein Gegenüber, auf das sie Bezug nehmen können. Im
Leben bedeutet es immer wieder eine Herausforderung, sich entweder
zu fügen, sich anzupassen, auf andere Rücksicht zu nehmen oder
klar Position zu beziehen. "NEIN" sagen, einzustehen für
eigene Ideen fällt im Erwachsenenalter viel schwerer, wenn man im
Kleinkindalter nie erlebt hat, wie es sich anfühlt, sich
durchzusetzen, sich zu widersetzen und trotzdem geliebt zu
werden.
Es ist
sogar unmöglich für ein Kind, das es schafft durch Quengeln ein
eben ausgesprochenes Verbot wieder aufzuheben, dieses Handeln
nachzuvollziehen. Durch ein solches Verhalten vermitteln Eltern dem
Kind, dass diese selbst es nicht wert sind, dass auf deren Willen
geachtet wird und man ihnen mit Respekt gegenübertreten soll. Für
das Kind gibt es nur eine Schlußfolgerung, dass es auch anderen
Menschen keinen Respekt entgegenbringen muss. Grenzen geben dem Kind
Halt und Orientierung. Kinder wollen, dass wir ihnen sagen und
zeigen wo es langgeht und was wir für richtig halten. Wir müssen
eine eigene Meinung vertreten und berechenbar bleiben. Dabei kann
sich ein ungutes Gefühl bei den Müttern einstellen - das Gefühl,
das Kind zu unterdrücken und es mit seinem Recht auf seinen Willen
nicht zu respektieren. Anlaß zu einem anderen Blickwinkel: Sage ich
dem Kind, wo meine eigenen Grenzen liegen und die der Gesellschaft,
zeige ich mich dem Kind als Persönlichkeit, die Respekt einfordert,
Werte und Normen lebt; jemand dem andere Respekt entgegenbringen müssen
und der selbst auch respektvoll mit anderen umgeht. So wird dem Kind
ein faßbarer Rahmen geboten, indem es sich bewegen kann.
Kinder,
denen kaum Regeln bekannt sind, schwimmen schutzlos in der Masse.
Sie müssen sich zwangläufig auffällig verhalten, weil sie den
fehlenden Rahmen suchen. Wenn Sie keinen Ärger bekommen, wenn sie
anderen Kindern das Spielzeug wegnehmen, dann können sie auch mal
ausprobieren, was passiert, wenn sie anderen Kindern so ganz neben
bei mal eins überziehen. Kinder verlangen Aufmerksamkeit. Wenn Sie
niemand beachtet, setzen sie alles in Bewegung, bis der Blick auf
sie fällt. Kinder wollen testen, herausfinden: "Was passiert
wenn....?" Sie brauchen Reaktionen auf ihre Taten: "Ist
das richtig, was ich tue?", "werde ich gemocht?",
"was darf ich - was darf ich nicht", "ist heute noch
richtig, was gestern galt"? Das nervige dabei ist, dass wir es
nicht nur 1 x sagen müssen, sondern 100 x. Kann man wirklich
glauben, dass man einem Schulkind, das nicht alleine einschlafen
kann, einen Gefallen getan hat. Es hat eben nicht gelernt, dass ihm
nichts geschieht, wenn es alleine schläft. Haben wir dem Kind
wirklich einen Gefallen getan, wenn es selbst abends merken soll,
wann es müde wird und wir warten, bis es von alleine umfällt?
Und....die
wenige freie Zeit, die den Müttern von heute mit ihren Kindern
bleibt, sollten wir intensiv nutzen - das sag ich mir ehrlich auch
jeden Tag!
so, das
wars für heute; es grüßt (ziemlich müde)
Susanne
Rowley
Kbb
Wigwam 1994 (Ich möchte mich noch herzlich bedanken bei den Müttern
und Tagesmüttern, die Anregungen für die Info-Briefe liefern)